Reisen und Realisierungen – oder Kulturschock 101

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Auch wenn es nicht so aussieht: wir lieben eigentlich die Vegabunde. Wir leben sie jeden Tag. Nur, dass sie nicht genau das sind, was sie ursprünglich hätten werden sollen. Und darum soll es hier in einigen Absätzen gehen.

Entsprungen unserer rosaroten Verliebtsheitsreisebrille vor ziemlich genau einem Jahr, wollten wir mit diesem Projekt unsere Selbstständigkeit, Wohnorte, Inspirationen und vieles mehr mit unseren Liebsten – und ultimativ auch der Welt – teilen. Immerhin machten das ja die ganzen anderen Blogger und Vlogger, mit denen wir online verbunden waren und deren Arbeit maßgeblich für unsere Entscheidung mitverantwortlich war. Auch wir wollten so inspirieren und informieren.

Hi, I'm Joe

I'll show you a behind-the-scenes look of how I launched my first product.

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Ein paar Tage nach der Ankunft in Thailand schnürte sich jedoch alles in uns immer mehr zusammen und das ganze Projekt hier (ganz zu schweigen von alltäglichen Bedürfnissen nach Ruhe und nährenden Mahlzeiten) erschien immer weiter in die Ferne zu rücken. Anfangs klammerten wir uns noch sehr daran, bauten die Seite liebevoll auf und flüchteten uns damit für eine kurze Zeit aus der Realität – die Realität, die nämlich irgendwie so gar nichts mit der Vorstellung zu tun hatte.

Wie es wirklich war

Ja, wir waren nun an einem warmen Ort und ja, hier gab’s leckeres Obst. Aber mehr schöne Dinge konnte ich einige Zeit gar nicht finden an der Situation. Dadurch, dass wir uns nur schwer zurechtfanden und viel erst noch lernen mussten, fielen die unangenehmen Gegebenheiten einfach sehr auf.

Dazu muss ich sagen, dass wir auch in keiner guten Ausgangslage waren. Bevor wir ankamen, hatten wir monatelang, vielleicht sogar fast ein Jahr lang, fast nur Stress. Nicht, dass wir uns viel stritten – vor allem die Arbeit raubte uns viel Kraft. Schon lustig, da wir ja unsere eigenen Chefs sind… aber eben auch sehr ambitioniert. 

Die alleinige Produktion eines sehr ausführlichen E-Book Bundles, der Launch, zig Emails die ständig beantwortet werden wollten, Klienten für das Webdesign, Hochzeitsplanungen, Minimalisierung des Hausstandes, das Finden eines Nachmieters, alle Recherchen zur Reise und die Visumsbeschaffung sowie noch der größte Part – die persönlichen, tiefen, schweren Themen – hielten uns auf Trab und wir gönnten uns nur bei völliger Erschöpfung eine „Pause“.

Thailand wurde zum Symbol und zum großen Traum von jetzt wird alles anders. Auf magische Weise würden wir uns endlich mal entspannen (mit Laptops ständig dabei, versteht sich). Wir würden zur Ruhe kommen und zu uns selbst, denn die Probleme hätten wir ja in Deutschland hinter uns gelassen. 

Und wir hätten auch keine Schreibblockaden, die Artikel für unsere Webseite würden geradezu aus uns fließen, und mit dem Sport würden wir auch wieder richtig anfangen. Alles gleichzeitig versteht sich. Denn in Thailand, da ist ja alles so chillig und perfekt für Veganer und digitale Nomaden. Ach, wie schön.

Tatsächlich war es nach einigen Tagen Rosarote-Brille-Dahinschmelzen dann so:

„Wieso bin ich so falsch? Was ist los mit mir?“ 

Das dachte ich nicht nur ein paar Mal. Ganze Wochen waren davon gezeichnet. So viele Westerner liefen mit Dauergrinsen um mich herum und die schienen es zu lieben. Und wieso war ich dann nur so undankbar und konnte es hier kaum ertragen?

Ich habe mal gehört, dass es noch besser ist sich eine Sache zu wünschen und Hoffnung hineinzustecken und diese Sache noch nicht zu haben… als dann dort „anzukommen“ und die Blase zerplatzen zu sehen. Denn dann steht man vor dem Nichts. Dann kann man sich in keine hypothetische Situation mehr flüchten, in der alles ganz wundervoll sein wird.

Die Wahrheit ist, ich bin eigentlich gerne hier. Vor kurzem noch war ich es nicht und sprach mit Lars nicht nur ein Mal von der früheren (sogar baldigen) Abreise. Aber wollte mein Gesicht nicht verlieren, immerhin wussten ja nun alle, wo wir waren und waren gehörig neidisch auf uns. Wenn die wüssten. Wie oft ich nur im Bett lag und erschlagen war und schwitzte und weinte und fluchte.

Das war die Illusion, das war meine Entgiftung. Ganz tapfer stellte ich mich meinem Luftschloss entgegen und erlaubte mir, in der Realität anzukommen anstatt an meinen Träumen weiter zu hängen. Denn der Schmerz den ich mir selbst bereitete kam daher, dass meine innere Welt nicht mit meiner äußeren Welt übereinstimmte und ich mich weigerte, das einzusehen und meine Perspektive anzupassen.

Ich zog mich zurück und jeder Tag war nur „aushalten“. Ich sollte nun 1,5 Jahre lang „aushalten“. Meine alten Gedanken und Muster kamen stärker denn je zum Vorschein, sie pulsierten so stark bis ich mich erhob und beschloss, mit anstatt gegen sie zu arbeiten. Sie als Geschenk und Hinweis zu betrachten und einfach mal „okay“ jetzt zu sein. Mir zu erlauben, alles scheiße zu finden. Auch wenn ich die einzige Touristin in Chiang Mai war, die nichts schätzen und alles nur scheiße finden konnte.

Und da wurde ich ruhiger. Von da an durfte immer mehr „sein“ was ja eh schon war. Und auch wenn das anstrengend und beängstigend war, so fand ich doch wieder mehr zu mir und ins Leben.

Hier ist jetzt nicht der richtige Platz, diesen Prozess zu teilen – vor allem soll es ja um die Reise an sich gehen. Wobei, letztens beim Abendessen sagte ich noch zu Lars dass wir gerade eine viel weitere Reise im Innen als im Außen zurücklegen würden. Auch bei ihm tut sich einiges.

Die Wahrheit ist, ich bin so gerne hier. Ich kann mir gerade nichts anderes vorstellen. Auch als ich das oben beschriebene gehasst habe, so habe ich anderes gemocht. Ein kleines bisschen zumindest. Und jetzt mag ich es noch viel mehr, weil ich mich und meine persönliche Situation und überhaupt alles wieder mehr mag. Durch eine andere Brille schaue.

Kulturschock ist was fieses 

Vor allem wenn einen keiner darauf vorbereitet. Ich kann es verstehen, dass andere Blogger nur die schönen Seiten teilen und in Erinnerung behalten wollen. Auch war ich sicher naiv in meiner Vorstellungen, obwohl ich mich doch sonst als so lebenserfahren ansehe. So langsam kann ich über fast alles nur noch lachen – zum Beispiel wenn die Bedienung im Café „200-180“ in den Taschenrechner eintippt oder wir an der Rezeption häufiger mal doppelt zur Kasse gebeten werden und das aufklären müssen.

Ihr lieben Leser, die Vegabunde leben sich hier gerade ein. In 2 Monaten geht’s in einen anderen Teil Thailands und wir freuen uns, fühlen uns der Aufgabe gewachsen. Aber auch hier lieben wir es schon. Es gibt noch einiges an Erzählungen und Posts aufzuholen, was wir auch noch machen wollen! Aber momentan brennen wir gerade für unsere vegane Webseite und sprühen vor Ideen und Umsetzenwollen. Uns geht es gut.

Auch wenn die ehrlichen Worte hier vielleicht undankbar wirken, so sind es doch authentische Erfahrungen, sie man sonst nicht wirklich lesen kann von anderen Reisenden. Deshalb wollte ich diesen Schritt hier gehen, damit sich andere nicht so alleine fühlen müssen.

Und wenn die Zeit gekommen ist, erfahrt ihr hier mehr über unsere Reise, neue Orte, Wachstum, und vieles mehr. Bis dahin sind wir in unserer Wohnung, in Cafés, der schönen Altstadt, einem Restaurant, oder am Pool.